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Selbstsicherheitstrainings für Mädchen und Jungen gegen sexuelle Übergriffe

Welche Qualitätsstandards für Sicherheitstrainings?

Viele Eltern und Fachkräfte planen zur Vorbeugung sexuellen Missbrauchs die Teilnahme von Mädchen und Jungen an einem Selbstsicherheitstraining. Mittlerweile gibt es eine immer größer werdende Zahl von Anbietern solcher Kurse, allerdings von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche Angebote sind hochprofessionell, andere unverantwortlich. Die Frage ist, welcher Kurs taugt etwas? Was können Kurse, was müssen Kurse und was dürfen sie auf keinen Fall? Ein Positionspapier der AJS NRW und anderer Kinder- und Jugendschutzstellen des Landes NRW zeigt Qualitätsstandards auf, an denen sich Angebote messen lassen müssen:

Positionspapier

Woran erkenne ich gute Angebote? Die Position des Kinder- und Jugendschutzes

Problembeschreibung:
Die Sorge „Wie schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch?“ beschäftigt viele Eltern. Auch Schulen, Vereine, Jugendarbeit und andere Institutionen greifen das Thema auf – vor allem, wenn im Umfeld ein Übergriff bekannt geworden ist. Auf der Suche nach schnellen und möglichst effektiven Lösungen wird häufig auf Selbstbehauptungskurse zurückgegriffen.

Dabei ist oft das Problem, dass die Gefährdung von Kindern hauptsächlich durch Außenstehende gesehen wird. Die Angst vieler Eltern gilt dem Fremden, der versucht, ihr Kind ins Auto zu zerren. In den Medien wird ein vermeintlicher oder tatsächlicher Übergriff oft so sehr skandalisiert, dass die Eltern in Panik geraten und die Gefahr „da draußen“ ungeheuer hoch einschätzen. Viele Kurse versprechen Sicherheit und Abwehr gegenüber Fremdtätern und fokussieren ihre Kursinhalte auch darauf. Da aber Mädchen und Jungen in erster Linie im sozialen Nahbereich sexuelle Gewalt erfahren, geht diese Art Kurs an der Realität vorbei. Hier wird viel Geld mit der Angst von Eltern verdient.

Auch wird häufig der Anschein geweckt, dass Kinder – wenn sie nur entsprechend geschult werden – jeden erwachsenen Angreifer in die Flucht schlagen können. Aber das können sie natürlich nicht. Die Erwachsenen sind verantwortlich für den Schutz und die Sicherheit der Kinder – nicht die Kinder selbst. Es gibt mittlerweile eine große Zahl von Anbietern solcher Kurse, die unterschiedlichen Berufsgruppen angehören. Manche sind entschieden kommerziell ausgerichtet, andere nicht. Die Qualität reicht von höchst professionell und effizient bis hin zu nicht verantwortbar.

Teilweise finden sich überteuerte Angebote, aggressive Werbestrategien und falsche Versprechungen durch die Kursleitungen. Andere Kurse wiederum werden fachkompetent und verantwortungsvoll durchgeführt. In diesem Dschungel fehlt es an Qualitätskriterien für die Veranstalter/innen und Bewertungshilfen für Eltern, Lehrkräfte und Erzieher/innen. Was können Kurse, was müssen Kurse leisten, was dürfen Kurse auf keinen Fall? Das vorliegende Positionspapier beschreibt Bedingungen für die Durchführung von Kursangeboten, an denen sich jedes Angebot messen lassen kann.

Begriffsbestimmung:
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird häufig von Selbstverteidigungskursen oder Selbstbehauptungskursen oder Selbstsicherheitstrainings gesprochen.

Selbstverteidigung…. meint, sich mit bestimmten Techniken in einer überfallartigen Notsituation körperlich zur Wehr setzen zu können und den Angreifer abzuwehren. Für Kinder sind diese körperlichen Verteidigungsstrategien bei weitem nicht ausreichend und meist eine Überforderung, wenn der falsche Eindruck erweckt wird, ein Kind könne sich körperlich gegen einen Erwachsenen behaupten. Zumal ein Kind gerade gegen vertraute missbrauchende Personen kaum körperlich angehen wird.

Selbstbehauptung… meint, sich in einer Übergriffs- oder Konfliktsituation der eigenen Grenzen bewusst zu sein und diese deutlich machen zu können. Dies kann geschehen durch entschiedene Artikulation, Schreien, selbstbewusstes Auftreten, durch Hilfe holen oder andere Strategien, die auch für Kinder sehr hilfreich sein können. Voraussetzung dafür ist aber, dass Selbstbehauptung auch in Alltagssituationen praktiziert werden darf z. B. beim unerwünschten Küsschen der Oma – und nicht nur als „Technik“ für Übergriffe aufgespart werden.

Selbstsicherheitstraining… meint ein Kursangebot, das umfassende Präventionsangebote macht. Es geht in erster Linie um eine Haltung – nicht um Techniken. Ziele sind die Förderung eines gesunden Selbstwertgefühls und Durchsetzungsfähigkeit, die Artikulation eigener Bedürfnisse, die Entwicklung von Ich-Stärke, die Entdeckung persönlicher Ressourcen, das Angebot eines Hilfenetzes, die Ermutigung, sich Erwachsenen anzuvertrauen, Information und Aufklärung. Psychologische und pädagogische Inhalte im Sinne eines Präventionskonzeptes stehen im Vordergrund. Ein solcher Kurs, zu dem auch die Vermittlung von Selbstbehauptungstechniken gehören, ist für Mädchen und Jungen sicher sinnvoll – so er denn den weiteren Qualitätsstandards genügt.

Grenzen – Was ein Kurs nicht kann:
Kein noch so guter Kurs kann Kinder oder Jugendliche umfassend schützen, da ein Kind einem Erwachsenen immer unterlegen ist. Ein Kurs kann niemals für die weitere Sicherheit der Kinder garantieren. Niemand kann in wenigen Tagen ein selbstbewusstes und abwehrbereites Kind versprechen – und dies tatsächlich einhalten. Erfolgsgarantien wie z. B. „Geld zurück bei Nichterfolg“ sind unseriös.

Vor allem kann ein Kurs nicht die Präventionsarbeit in Elternhaus und Schule ersetzen – höchstens ergänzen. Er entbindet Erwachsene nicht von ihrer Verantwortung für den Schutz von Kindern.

Ein Kursangebot ist auch kein Therapieersatz für betroffene Kinder und Jugendliche. Diese brauchen anderweitig Beratung und Hilfe.

Chancen – Was können Sicherheitskurse?
„Sie stärken die teilnehmenden Mädchen und Jungen, sensibilisieren sie für sexualisierte Gewalt sowie Macht- und Ohnmachterfahrungen, verändern Erziehungshaltungen der Erwachsenen, verringern die Gefahr von Grenzverletzungen und erweitern das Wissen über Hilfsmöglichkeiten. Der Kurs vermittelt, wo im Zweifelsfall Hilfe zu holen ist und welche Einrichtungen im Bedarfsfall zur Verfügung stehen. Kinder und Jugendliche lernen, Gefahren einzuschätzen und ihren Gefühlen zu vertrauen.“

Rudolf-Jilg 2003, S. 13


Ein Training kann die Sicherheit von Kindern erhöhen, das Risiko eines sexuellen Übergriffes mindern oder die Dauer eines sexuellen Missbrauchs abkürzen.

Mögliche negative Folgen:
Manchmal werden Kursangebot gebucht unter dem Motto „Kann ja nicht schaden!“ Dies ist leider ein Irrtum.

Durch unprofessionelles Vorgehen können Kindern Schuldgefühle vermittelt werden. Sie meinen, allein die Verantwortung für ihren Schutz zu haben. Bereits betroffene Kinder denken, sie seien selbst schuld, weil sie sich nicht genug gewehrt hätten. Die Unsicherheit der Kinder bis hin zu großen Ängsten und Ohnmachtsgefühlen kann verstärkt werden. Das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden kann leiden.

Ängste werden besonders geschürt durch eine sog. „Ernstfallerprobung“ mancher Anbieter. Die Kinder werden in nachgestellten Situationen unerwartet überfallartig attackiert. Dabei besteht die Gefahr, dass sie ähnliche Folgen davontragen wie bei einem realen Übergriff. Zudem ist dies nicht nur eine Verunsicherung und Überforderung der Kinder, sondern auch eine Grenzverletzung.

Ein Fehler ist auch, durch große Versprechungen sowohl die Kinder als auch Eltern und andere verantwortliche Erwachsene in falscher Sicherheit zu wiegen oder dazu beizutragen, dass die Mädchen und Jungen sich selbst überschätzen.


Eine Fokussierung auf den Ausnahmefall „Fremdtäter“ schränkt Kinder in ihrer Bewegungsfreiheit ein und macht sie verletzlicher für Übergriffe im nahen Umfeld oder der Familie. Sexueller Missbrauch geschieht am häufigsten unter Ausnutzung vertrauensvoller Beziehungen. Dabei nutzt körperliche Abwehr sehr wenig. Körperorientierte Abwehrstrategien helfen nicht gegen Opa, Vater oder Trainer – die Kinder geben sich dann häufig selbst die Schuld. Das darf nicht passieren.

Also: Ein Kurs kann schaden, wenn er schlecht durchgeführt ist.

Das Grundverständnis eines Kurses:
Der Kurs selbst muss in seiner Ausgestaltung Beispiel sein für das, was er vermitteln will.

Grundsatz eines Kurses ist es, dass die persönlichen Grenzen eines jeden Mädchens oder Jungen erkannt und akzeptiert werden. Die Teilnahme am Training oder an einzelnen Übungen muss freiwillig sein. Es müssen auch nicht alle Kursteile absolviert werden. Jeglicher Körperkontakt darf nur mit Einwilligung des Kindes erfolgen. Wenn ein Kind nicht möchte, darf es keine Überredungsversuche geben, kein Trainer- oder Gruppendruck. Es werden Regeln für einen vertrauensvollen Umgang aufgestellt und eingehalten. Das bedeutet auch, Verhaltensweisen oder Äußerungen vertraulich zu behandeln. Respekt und Wertschätzung gegenüber den Kindern sind das Fundament eines Selbstsicherheitstrainings. Grundsätzlich gilt, dass an den Stärken der Mädchen und Jungen angeknüpft wird – nicht an Schwächen, Fehlern oder dem, was sich noch nicht können. Auch Kinder können etwas bewirken, aber verantwortlich für ihren Schutz sind die Erwachsenen.

Kursziele
• Förderung einer positiven Selbsteinschätzung,
• Erhöhung des Selbstwertgefühles, Selbstvertrauens und der Selbstachtung,
• Entdeckung eigener Kräfte und Stärken,
• Stärkung der Individuellen Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit,
• Wahrnehmung von Grenzverletzungen,
• Stärkung der Fähigkeit, Grenzen zu setzen,
• Thematisierung von geschlechtstypischen Verhaltensweisen,
• Stärkung der Fähigkeit, sich gegenüber Erwachsenen zu behaupten,
• Ermutigung, eigene Interessen und Bedürfnisse zu verfolgen,
• Verfügung über mehr verbale und körperliche Ausdrucksmöglichkeiten,
• Erweitung und Erprobung von Handlungsalternativen,
• Kennen lernen einfacher Techniken der Selbstverteidigung,
• Förderung von eindeutiger Kommunikation,
• Information über sexualisierte Gewalt,
• Klarheit darüber, dass allein der Täter Verantwortung und Schuld hat,
• Wissen, dass Erwachsene für den Schutz von Kindern verantwortlich sind,
• Information über Hilfemöglichkeiten,
• Ermutigung, Hilfe bei Erwachsenen zu holen,
• Information über Kinderrechte.

Rahmenbedingungen
Um einen qualitativ hochwertigen und fachlich verantwortbaren Kurs anzubieten müssen die folgenden Rahmenbedingungen gewährleistet sein:

• Der Kurs findet in einem geschützten Raum in einer wohlwollenden Atmosphäre statt.
• Der Kurs findet ab der 3. oder 4. Grundschulklasse statt.
• Die Gruppengröße ist am jeweiligen Alter der Kinder orientiert. Je jünger die Kinder desto kleiner die Gruppe. Optimal sind 10 – 12 Kinder, maximal 14 Kinder, wenn sie etwas älter sind.
• Die Kurse finden nach Möglichkeit getrenntgeschlechtlich statt.
• In Mädchengruppen sollte mindestens eine weibliche Trainerin dabei sein, in Jungengruppen ein männlicher Trainer.
• Die Kursdauer ist mindestens ein Wochenende bzw. 12 Stunden.
• Es gibt das Angebot eines Auffrischungskurses.
• Die Kursinhalte müssen kindgerecht und altersentsprechend aufbereitet sein.
• Es muss eine Vernetzung des Kursanbieters mit dem bestehenden örtlichen Hilfenetz geben, z. B. Jugendamt, Polizei, Beratungsstellen, Kinderschutzbund.
• Die Eltern sollten vorab informiert und einbezogen werden.
• Lehrkräfte oder Betreuer/innen nehmen nicht am Training teil, sind aber ebenfalls im Vorhinein informiert.
• Der Kursablauf ist für Eltern und Veranstalter transparent.

Mit dem Kursveranstalter sollte ein Vertrag geschlossen werden, der diese Qualitätsstandards berücksichtigt.

Inhaltliche Qualitätsstandards
• Die Mädchen und Jungen erhalten zum Kursbeginn einen Überblick über das geplante Programm.
• Der Kurs ist so angelegt, dass die Kinder ermutigt und nicht verängstigt werden.
• Kinder sollen an der Ausgestaltung des Programms beteiligt sein.
• Alles im Kurs ist freiwillig.
• Es werden Gruppenregeln vereinbart, die Vertraulichkeit und Verschwiegenheit thematisieren sowie den respektvollen Umgang der Gruppenmitglieder untereinander.
• Es werden ebenfalls Regeln vereinbart für den Fall, dass ein Kind eine bestimmte Übung nicht mitmachen will, nicht berührt werden will u. ä. Mögliche Sanktionen durch die Gruppe muss die Kursleitung verhindern.
• Inhaltliche Priorität hat das, was die Kinder einbringen.
• Der Kurs setzt an den Stärken und Energien der Mädchen und Jungen an.
• Das Motto ist: Sich zu wehren ist ein Recht, kein Muss. So bleibt die Verantwortung beim Täter.
• Priorität haben Abwehrstrategien, die auch im sozialen Nahbereich, wo der Gefährdungsschwerpunkt liegt, Anwendung finden (z. B. Hilfe holen).
• Es wird vermittelt, was realistisch machbar ist, damit es keine Selbstüberschätzung oder Schuldübernahme gibt.
• Der Kurs berücksichtigt Mädchen und Jungen in ihrem Geschlecht, ihrem kulturellen und familiären Hindergrund, ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Optimal ist ein differenziertes Angebot z. B. für Kinder mit Behinderungen oder Kinder aus Migrantenfamilien.
• Es gibt keine Leistungsabfrage oder Prüfung.
• Es werden keine Überraschungsangriffe oder „Ernstfallerprobungen“ durchgeführt.
• Zentral für das Vorgehen sind die individuelle Befindlichkeit und die je eigenen Möglichkeiten jedes Kindes. Es gibt keine Patentrezepte – jeder Mensch hat eigene Formen sich zu verteidigen.
• Die Lerninhalte werden altersgemäß pädagogisch aufbereitet und spielerisch umgesetzt. Sie setzen an der Lebenswelt und den jeweiligen Erfahrungen der Mädchen und Jungen an.
• Der Erfahrungsaustausch der Kinder untereinander ist ein wesentliches Element.
• Körperliche Techniken zur Selbstverteidigung machen nur einen kleinen Teil der Kurszeit aus. Sie müssen leicht erlernbar sein und sollen Verletzungsgefahr vermeiden.

Kursinhalte
Thematisiert werden sollen in einem Selbstsicherheitstraining die klassischen Inhalte der Präventionsarbeit:

• Auseinandersetzung mit Geschlechtsrollen,
• Altersangemessene Sprache über Sexualität,
• Selbstbewusstsein, Selbstwert, Ich-Stärke, eigene Persönlichkeit,
• Wertschätzung des eigenen Körpers,
• Differenzierte Wahrnehmung und Artikulation eigener Gefühle, Bedürfnisse, Interessen,
• Unterschiedliche Formen von Körperkontakt und deren persönliche Bewertung,
• Grenzen wahrnehmen und äußern,
• Umgang mit Geheimhaltungsdruck,
• Hilfe holen, sich anvertrauen,
• Schutz- und Fürsorgepflicht Erwachsener,
• Grundinformationen zu sexualisierter Gewalt,
• Handlungsmöglichkeiten bei Bedrohung oder Übergriffen,
• Klare Position: Nur der Täter trägt die Verantwortung.

Methoden
Die Methoden in einem Kurs entsprechen dem altersgemäßen lernen, d. h. es werden spielerische Lernformen eingesetzt. Hinzu kommen Informationen durch die Kursleitung, Rollenspiele, Gruppenarbeit, Gruppenspiele, verschiedene Bewegungseinheiten, einfache körperliche Abwehrtechniken, Visualisierung, Kommunikationsübungen. Die Erfahrungen, Ideen und Vorschläge der Mädchen und Jungen sollten miteinbezogen werden, so dass hier „erlebtes Lernen“ stattfinden kann. Es geht vor allem auch um individuelle Lösungen der einzelnen Kinder, nicht nur um das, was die Kursleitung hören will. Auch Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten und eigenes Herausfinden der besten Lösung sollte ein Grundsatz sein.

Qualifikationen der Kursleitung
Oft steht und fällt die Qualität eines Kurses mit der Ausbildung der Trainerinnen und Trainer. Leider gibt es keine geschützte Ausbildung, die eindeutig für Fachlichkeit garantiert. Umso wichtiger, dass Eltern und Veranstalter/innen auf einige wesentliche Grundbedingungen achten:

Die Kursleitung sollte nachweisen ….

• eine pädagogische/psychologische Ausbildung oder umfassende Fortbildung,
• Kenntnis der Fachliteratur und Fachdiskussion,
• fachliche und persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema sexualisierte Gewalt,
• fundiertes Wissen über die Entstehung und Auswirkung sexualisierter Gewalt,
• Kompetenz im Umgang mit Gewalterfahrungen betroffener Kinder,
• Auseinandersetzung mit Rollenbildern und dem Geschlechterverhältnis,
• entwicklungspsychologische Kenntnisse,
• Fachkompetenz bei einer möglichen Krisenintervention,
• Erfahrungen und Fachwissen in der Gruppenarbeit mit Kindern,
• ein breites Spektrum unterschiedlicher Methoden für die Präventionsarbeit mit Kindern,
• eine wertschätzende und empathische Grundhaltung gegenüber Kindern,
• regelmäßige Fortbildung, kollegiale Beratung oder Supervision,
• nachgewiesene persönliche und fachliche Vernetzung mit den örtlichen Hilfestellen.


Grundsätzlich muss die Kursleitung bereit sein, ihr Kurskonzept offen zu legen und kritisch hinterfragen zu lassen. Sie sollte jederzeit über ihre Qualifikationen Auskunft geben. Manche Kursanbieter werben mit Pressetexten und Fernsehauftritten. Oder es werden massenhaft Zitate von euphorischen Eltern aufgeführt. Dies ist erfreulich für den Anbieter, aber noch kein Qualitätsmerkmal. Auch die Auflistung von angeblich unterstützenden Prominenten kann schlichtweg falsch sein. Manchmal wirbt die Kursleitung mit dem Begriff „Polizei“. Wenn ein Anbieter Ex-Polizist ist, ist dies auch noch keine Garantie für einen guten Kurs. Hier sollte der Veranstalter beim dem Kommissariat Vorbeugung der örtlichen Polizeidienststelle nachfragen, ob die Polizei tatsächlich mit in das Kurskonzept eingebunden ist.

Elterneinbindung als begleitende Maßnahme
Viele Eltern haben große Angst vor Fremdtätern und Entführung. Die auch teilweise von Medien geschürte Panikmache führt oft dazu, dass die elterliche Angst sich auf die Kinder überträgt. Kinder werden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, in Angst versetzt, kontrolliert und überwacht – das tut ihnen nicht gut. Mütter und Väter brauchen seriöse Informationen über Gefährdungspotentiale und Anregungen, was sie zum Schutz ihrer Kinder tun können – ohne Angstmache.

Mütter und Väter sollten in einer Informationsveranstaltung zu Beginn des Trainings über den Ablauf und die Inhalte genau informiert werden. Darüber hinaus sollten sie unbedingt erfahren, wie sie selbst in ihrem erzieherischen Alltag zum Schutz ihrer Kinder beitragen können. Ein Kurs kann die familiäre Vorbeugungsarbeit zwar ergänzen, aber keinesfalls ersetzen.

Zudem sind die im Training erarbeiteten Haltungen und Ideen sehr viel wirkungsvoller, wenn sie auch zu Hause unterstützt werden. Oft erleben Kinder aber das Gegenteil. Sie lernen im Kurs Selbstbewusstsein, Nein sagen, Bedürfnisse äußern, und zu Hause ist die neue „aufmüpfige“ Haltung gar nicht gern gesehen. Im Elterngespräch können die Vorteile und Gründe für ein solches Vorgehen erläutert werden. So erhalten Mütter und Väter die Chance, eigene Erziehungshaltungen zu überdenken und wenn nötig zu modifizieren. Wenn sie in ihrem häuslichen Umfeld aktiv Präventionsarbeit praktizieren, ist dies ein wesentlicher Beitrag zum besseren Schutz der Kinder. Hilfreich ist auch, wenn Elternratgeber oder Kinderbücher empfohlen werden, die die Eltern nutzen können.

Einbettung von Selbstsicherheitstrainings in ein Präventionskonzept
So wie die berühmte einzelne Schwalbe noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Selbstsicherheitstraining noch kein sicheres Kind. Um wirklich eine gute Chance auf Schutz zu haben, sollte Präventionsarbeit umfassend konzeptionell in die Lebenswelt eines Kindes integriert sein. Der Kurs ist nur ein kleines Bausteinchen – auch viele andere Möglichkeiten sollten genutzt werden.

Optimal wäre eine Einbettung der Kurse in die schulische Präventionsarbeit, die in Form eines Bausteinsprinzips aufgebaut sein sollte:

1. Alle Lehrkräfte erhalten eine mindestens zweitätige Fortbildung zum Themenbereich sexualisierte Gewalt und schulische Prävention.
2. Danach sollten sie willens und in der Lage sein, kontinuierlich Präventionsthemen in ihren Unterricht zu integrieren. Es gibt eine Reihe von Unterrichtseinheiten, Materialiensammlungen und anderen Medien, für die Präventionsarbeit in der Grundschule, die hier Anregungen geben. Sinnvoll ist auch eine Verknüpfung mit Sexualerziehung oder Projekten zur Gewaltprävention.
3. An der Schule wird mindestens ein Elternabend durchgeführt.
4. Es gibt eine Nachbereitung des Kurses im Unterricht.
5. Es werden nach Möglichkeit auch andere Präventionsaktivitäten wie Theaterstücke oder Konzerte für Kinder mit einbezogen.
6. Örtliche Einrichtungen aus dem Hilfenetzwerk sind als Kooperationspartner eingebunden.


Vor allem müssen sich Lehrkräfte und Kursanbieter bewusst sein, dass jede Präventionsarbeit aufdeckende Wirkung haben kann. Es muss für diesen Fall Interventionskompetenz vorhanden und die Möglichkeit der Weiterleitung an ein Unterstützungsangebot gegeben sein.

Literatur- und Materialhinweise
Christine Rudolf-Jilg: Selbstverteidigung – Schutz für unsere Kinder oder Augenwischerei? In: pro Jugend 4/2003, S. 13-16

Bayerischer Jugendring (Hrsg.): Prävention vor sexueller Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit, Qualitätskriterien bei Selbstverteidigungskursen bzw. Selbstbehauptungstrainings. Empfehlungen des Bayerischen Jugendrings, München 2003, www.bjr.de 

Gisela Braun: Gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Ein Ratgeber für Mütter und Väter. Köln 2004, http://www.ajs.nrw.de/ 

Der Paritätische Landesverband NRW (Hrsg.): Präventionsarbeit verbessern – Arbeitshilfe und Praxisbeispiele, Wuppertal 2003, www.beratungsstelen.paritaet-nrw.org

Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen: Empfehlung für Qualitätskriterien in der Präventionsarbeit, Bonn 2003, Qualität in der Arbeit mit Mädchen und Jungen. In: Prävention 3/2004, http://www.bundesverein.de/

LKA NRW/AJS NRW e.V.: Selbstsicherheitsrainings für Mädchen und Jungen. Ja! Aber richtig …. Düsseldorf/Köln o. A., www.lka.nrw.de/sexueller0/flyer23_03.pdf

Der Senator für Bildung und Wissenschaft/-Schattenriss e.V.: Qualitätskriterien für die Bewertung von Präventionsprojekten gegen sexualisierte Gewalt. Bremen o. A.

Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Segeberg e.V. und andere: Qualitätsmerkmale Selbst-Behauptung und Selbstverteidigung. Ein Informationsblatt für Mütter, Väter, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und weitere Interessierte: kreis Segeberg o. A.

Amyna e.V. (Hrsg.): Evaluation der Wirksamkeit präventiver Arbeit gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Expertise von Dr. Heinz Kindler, München 2003, http://www.amyna.de/

Autorinnen
Gisela Braun, Fachreferentin für den Bereich Prävention von sexueller Gewalt, Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW e.V.

Dr. Claudia Bundschuh, Autorin des Buches „Pädosexualität Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen“, hervorgegangen aus einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums, Deutscher Kinderschutzbund (DKSB) Landesverband NRW e.V.

Marianne Hasebrink, Fachreferentin, Kath. Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NW e.V.

Martina Huxoll, Fachberaterin „Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“, Deutscher Kinderschutzbund (DKSB) Landesverband NRW e.V.

Karen Lehmann, Fachberaterin für psychosoziale Beratungsstellen und Projektmitarbeiterin für „Qualitätsentwicklung im Bereich Prävention von sexualisierter Gewalt“, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband NRW e.V.

Ute Nöthen-Schürmann, Kriminalhauptkommissarin beim Kommissariat Vorbeugung, Polizeipräsidium Krefeld und Mitglied im Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V.

Gemeinsames Positionspapier von:
AJS Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS), NRW e.V.

Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V.

Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Nordrhein-Westfalen e.V.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Landesverband NRW e.V.

Die Lobby für Kinder
Deutscher Kinderschutzbund (DKSB) Landesverband NRW e.V.

Artikel aus:
Drei-W-Verlag Gmbh (Hrsg.): „Jugendschutz Forum“, Ausgabe 01/2006, S. 7 ff.